Dirk Posse & Gerd Pöll

Gemeinwohl-Ökonomie goes Uni

Vorgeschichte und Planänderung

Auf Basis der guten Erfahrungen im Sommersemester 2019 haben wir uns als Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie sehr gefreut, dass Johanna Stöhr und Christian Herzig das Seminar „Nachhaltiges Wirtschaften in der Agrar- und Ernährungswirtschaft“ auch im Sommersemester 2020 der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) widmen möchten.

Ursprünglich war wieder geplant, dass Studierende Gemeinwohl-Berichte für Unternehmen erstellen. Aufgrund der Einschränkungen durch die Corona Pandemie war das aber nicht möglich. Daher haben Johanna und Christian das DasTuWas!Semester konzipiert, in dem Studierende Unternehmen und Organisationen aktuell sinnvolle Unterstützung zukommen lassen und das in Blog-Beiträgen beschreiben.

Basis der Aktivitäten soll eine Ausrichtung an den Werten der GWÖ sein. Da die Unterrichtung der Studierenden dadurch eher die Theorie der GWÖ umfasst, wurden wir gefragt, ob wir unter diesen Umständen das Gesamt-Konzept der GWÖ erläutern können: Nicht nur das System der Gemeinwohl-Bilanzierung für Unternehmen, sondern ebenfalls die gesellschaftspolitischen Ideen zu Mitentscheidung in der Politik, systemisches Konsensieren als Entscheidungsmethodik oder auch das Gemeinwohl-Produkt als Alternative zum Brutto-Inlandsprodukt. Wie der gesamte universitäre Betrieb standen auch wir vor der ungewohnten Herausforderung, passende digitale Formate zu finden. Diese Aufgabe haben wir, Dirk Posse, GWÖ Lahn-Eder, und Gerd Pöll, GWÖ Kassel, gerne übernommen.

Ablauf

Für die von uns durchgeführten Lehreinheiten standen 5 Unterrichts-Blöcke zur Verfügung. Zunächst haben wir einen Überblick über die Gesamt-Idee der GWÖ gegeben. In zwei weiteren Einheiten stellten wir jeweils die Werte Menschenwürde, Solidarität und Mitentscheidung in den Mittelpunkt. Dabei gab es Raum, die Bedeutung dieser Werte vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen der Corona-Pandemie in den Projekten aber auch im gesellschaftlichen Kontext zu diskutieren. Zusätzlich war uns das Thema Geldwirtschaft wichtig einzubringen. Das Thema ökologische Nachhaltigkeit haben wir nicht explizit behandelt, im Kreis von Studierenden der Ökologischen Agrarwissenschaften schien uns das nicht erforderlich zu sein. Eine Einheit hat sich mit dem Ablauf der Gemeinwohl-Bilanzierung und Details der Matrix beschäftigt, soweit das nicht in den anderen Einheiten bereits erläutert wurde. Der Abschluss erfolgte mit dem Planspiel Marktwirtschaft, in dem spielerisch die Machbarkeit der Wirtschaftsausrichtung durch ökologisch-nachhaltige Steuern gezeigt wird.

Der Ablauf im Überblick:

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1. Übersicht Gemeinwohl-Ökonomie
> Grundwerte, Idee & Bewegung
2. Menschenwürde / Solidarität / Geldwirtschaft
> Grundlagen, Motivation durch Kooperation
> globale Arbeitsteilung, Krisen
3. Demokratie / Mitentscheidung / Konvente
> und systemisches Konsensieren
4. Gemeinwohl-Bilanz
> Erläuterung Matrix
> Ablauf Zertifizierung
5. Planspiel Marktwirtschaft
> Gewinnstreben und Gemeinwohl-Ökonomie

In den jeweiligen Unterrichts-Einheiten haben wir zwischen Vortrag und Kleingruppen-Arbeit gewechselt. Dadurch wurde die Online-Veranstaltung lebendig. Trotz anonym wirkender Online-Durchführung haben sich die Teilnehmer*innen gut beteiligt und es gab konstruktive Diskussionen. Ein Teil der Diskussionen und Kleingruppen-Arbeiten bezog sich auch immer auf die Projekte der Studierenden und die Zusammenhänge zu den Werten der GWÖ und wie diese Werte sich in den Projekten wiederfinden.

Die Regionalgruppe Kassel

Im Sommer 2018 haben wir in Kassel eine Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie gegründet. Das bekam schon in der Gründungsphase Imke-Marie Badur mit, die bei UniKasselTransfer für Service Learning verantwortlich ist und der die GWÖ schon länger bekannt war. Sie hat die Gründung der Regionalgruppe zum Anlass genommen, aktiv nach einer Professur an der Uni zu suchen, die die Idee der GWÖ unterstützt und mithilft, sie in Lehre oder Forschung zu platzieren. Ein erstes Ergebnis war die Aufnahme der GWÖ in die Lehrveranstaltung „Nachhaltiges Wirtschaften in der Agrar- und Ernährungswirtschaft“ im Sommersemester 2019. Als Regionalgruppe hatten wir die Aufgabe übernommen, hierfür kleine Unternehmen der Region als Praxispartner zu akquirieren. Im Frühjahr 2019 hatten wir in Kassel zwei Tage Besuch von Christian Felber, die Veranstaltungen wurden von uns mitgeplant und beworben.

Nach den Vorträgen, dem in Kassel sehr populären “Tag der Erde” (an dem wir mit einem Stand vertreten waren) und einem Bericht über die Regionalgruppe in der HNA (das fand alles innerhalb von etwa acht Wochen statt) wuchs unsere Gruppe von 5-8 Teilnehmenden im ersten Jahr auf 14 und bis zu 20 Teilnehmenden bei den Regionalgruppentreffen. Aktuell gibt es innerhalb der Regionalgruppe die Arbeitsgruppen Politik, Unternehmen, Kunst und parallel die Planung weiterer Veranstaltungen.

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Weitere Interessierte sind sehr gerne willkommen: kassel [at] ecogood [dot] org

Die Regionalgruppe Lahn-Eder

Im Marburger Raum fand sich bereits im Sommer 2016 eine Gruppe von Unternehmer*innen und regionalen Akteur*innen zusammen, um eine Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie aufzubauen. Ende September 2016 war es dann soweit: Die GWÖ Regionalgruppe Lahn-Eder wurde offiziell gegründet. Die Gruppe versteht sich als Teil der internationalen Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Ziel der Bewegung ist es, individuelles, unternehmerisches und politisches Handeln nach den Werten des Gemeinwohls auszurichten.

Die GWÖ-Regionalgruppe Lahn-Eder will die GWÖ in der Region bekannt machen. Dazu fanden verschiedene Veranstaltungen statt, u.a. im Jahr 2017 die große Regionalkonferenz “Wirtschaften fürs Gemeinwohl” in Cölbe. Mittlerweile haben sieben Unternehmen in der Region eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Auch in der Kommunalpolitik hat das Thema GWÖ Anklang gefunden. Derzeit befinden sich sowohl die städtischen Stadtwerke Marburg als auch ein Eigenbetrieb des Landkreis Marburg-Biedenkopf im Bilanzierungsprozess.

Die Regionalgruppe trifft sich in der Regel einmal monatlich, gerade digital und ist immer offen für Interessierte: https://web.ecogood.org/de/lahn-eder/

Mehr über die Autoren…

Dirk Posse

Dirk Posse

Dirk Posse ist Nachhaltigkeitsökonom und tätig als selbstständiger Organisationsberater und Bildungsreferent für sozial-ökologische Transformation. Er engagiert sich in der Regionalgruppe Lahn-Eder der Gemeinwohl-Ökonomie und berät Organisationen bei der Gemeinwohl-Bilanzierung. Derzeit aktuelle Projekt sind die wissenschaftliche Mitarbeit im Nascent-Forschungsprojekt zu Solidarischer Landwirtschaft, Projekt-Mitarbeit im BaSiG-Projekt zu Themen des Brutto-Nationalglücks und inklusivem Gemeinwesen. Zudem ist er Teil des kollektiv von morgen in Marburg und engagiert sich in der SoLaWi Marburg und im Netzwerk Wachstumswende.

Gerd Pöll

Gerd Pöll

Gerd ist Diplom-Ingenieur für Maschinenbau und freiberuflich tätig. Sein Angebot umfasst Wissenstransfer auf narrativer Basis, Projektmanagement und Beratung zur Gemeinwohl-Ökonomie. Er ist Mitinitiator und Koordinator der Regionalgruppe Kassel der Gemeinwohl-Ökonomie. Neben der Akquisition und Beratung von Unternehmen organisiert er öffentliche Veranstaltungen, um die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie bekannt zu machen und baut Kontakte zu Politik und Schulen auf.

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