Johanna Stöhr & Christian Herzig
Was wir von unseren Studierenden lernen können

Was wir von unseren Studierenden lernen können

„Der Zweck des Wirtschaftens im Allgemeinen ist die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse.“

Studentisches Zitat

Im Laufe des Semesters, und durch die Auseinandersetzung mit den Werten und Zielen der Gemeinwohl-Ökonomie, mussten die Teilnehmer_innen in unserem „Das Tu Was! Semester“ erkennen, dass die heutige Wirtschaft diesem Leitsatz ganz und gar nicht gerecht wird (www.dastuwassemester.de). Eine Studentin im Seminar merkte an: „Acht Milliarden für die Rettung des Klimas, aber neun Milliarden für den Klimakiller Lufthansa, haha.“ – Eine andere formulierte es in ihrem Rückblick so: „Gerade die derzeitige Krisensituation hat meiner Meinung nach gezeigt, wie unausgeglichen und unbelastbar die Wirtschaft ist. […] Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern dieser Zeit ist groß.“

Empört euch!

Mit diesen Worten wies auch der französische Autor Stéphane Hessel in seinem gleichnamigen Essay darauf hin, dass das „Schlimmste, was man sich und der Welt antun“ könne, die Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Verhältnissen sei. Es hat uns daher gefreut, dass die Studierenden sich über Missstände, Verantwortungslosigkeit, Intransparenz und Ungerechtigkeit empörten, ein anderes Wirtschaften möchten und bereit sind, am Umbau des gegenwärtigen Systems mitzuwirken. Juhu und zum Glück! Ja, wir wissen: Nicht jede_r unserer Studierenden kann später mal Bundeskanzler_in werden, oder Wirtschafts- oder Agrar­minister_in. Dennoch sind wir überzeugt, dass jede_r Einzelne einen Unterschied machen wird. Egal, ob sie aus einem Semester „nur“ neue Muster für ihren privaten Konsum mitnehmen oder darin ein Mind-Set festigen konnten, das ihre gesamte berufliche Zukunft prägt. Egal, ob als „Schraube“, „Schraubenzieher“ oder „Ingenieur“ – an irgendeiner Stelle werden sie immer in der „Maschine Wirtschaft“ mitmischen, und die Befähigung, dieses System beurteilen und kritisch hinterfragen zu können, ist elementar wichtig.

„Die Corona-Krise […] zeigt Missstände auf: In der Gesellschaft sowie der Wirtschaft. Sie verdeutlicht uns, wie wichtig Pflegeberufe und die Landwirtschaft sind. Und welchen Preis andere Menschen zahlen müssen, damit wir beispielsweise günstigen Spargel bekommen. Plötzlich schaut die ganze Welt dorthin, wo sonst versucht wird, alles im Dunkeln zu halten. Dies macht nicht nur bei den betroffenen Erntehelfer_innen und Pfleger_innen, sondern auch in der Breite der Gesellschaft die Forderung nach einer neuen und gerechteren Wirtschaftsweise laut.“ (Studentisches Zitat)

In unserem (Projekt-)Seminar sollten sich die Studierenden in das Feld „Nachhaltiges Wirtschaften“ einarbeiten und dabei so viele Einblicke wie möglich in die Praxis bekommen (z.B. durch Zusammenarbeit mit oder Exkursionen zu Unternehmen aus der Region). Mit dem Konzept des Blogs und vielen kleinen Einzelprojekten, über die darin berichtet wurde, haben wir trotz Corona eine Möglichkeit gefunden, Praxiserfahrungen zu realisieren. Das (kreative) Schreiben darüber in Blogs und das regelmäßig in Diskussionen und Prüfungsleistung geforderte Reflektieren sollten die Lerneffekte und Fortschritte in der Persönlichkeitsentwicklung sichtbar machen – für Außenstehende, aber vor allem auch für die Studierenden selbst.

In unserem eigenen letzten Blogbeitrag beleuchten wir Dozierende das Semestergeschehen im Rückblick. Es geht es uns beiden um ein Resüme, darüber was die Studierenden „gelernt“ haben und was wir – wir Dozierende, aber auch „alle“ – aus ihren individuellen Erfahrungen und Berichten mitnehmen können. Und weil wir alle vor der Herausforderung stehen, noch länger den Spagat zwischen gesundheitsbedingtem „Distance-Learning“ (digital statt präsent) und interaktivem, projektbasiertem und lehrreichem Studieren vollziehen zu müssen, möchten wir damit „10 Tipps“ verbinden.

Unser Fazit ziehen wir aus den studentischen Texten, in denen die Studierenden ihre Praxis- und Lernerfahrungen reflektieren und die als Prüfungsleistungen abgegeben wurden. Unserer Meinung nach ist die Quintessenz übertragbar auf viele weitere Seminare und Lehrveranstaltungen, in denen Studierende aktiv, selbständig und kreativ Projekte ins Leben rufen und durchführen sollen, insbesondere wenn es um eine Zusammenarbeit mit Praxispartner_innen geht. Mit Hilfe von ausgewählten Originalzitaten lassen wir nun die Studierenden „zu Wort kommen“:

1. Sucht euch ein Projekt, das zu euch passt

„Dadurch, dass man selbst ein Thema auswählen konnte welches einen interessiert, ist das Interesse und die Bereitschaft, sich in das Thema zu vertiefen, besonders groß.“

„Das Modul hat mir die Möglichkeit geboten, mich mit einem Thema auseinander zu setzen, welches mir am Herzen liegt“

„Wir einigten uns schnell darauf, dass die Arbeit mit dem [Praxisbetrieb] gut zu uns passt und für alle ein Mehrwert entstehen kann.“

2. Sucht euch Teampartner – die das Gleiche wollen

„Entweder ich finde eine Person, mit der ich gemeinsam an einem Projekt arbeiten kann oder ich nehme nicht am Modul teil.“

„So war es […] eine schöne Aufgabe, an diesem Projekt als kleines Team zu arbeiten und unsere vielfältigen Ideen einzubringen. Gemeinsam diese ungewöhnliche und völlig neue Art des Lernens und Entwickelns zu gestalten, gab uns zudem eine gewisse Sicherheit und der Austausch zu unseren Themen und Fragen bestärkte uns. Zudem haben wir uns sehr gut ergänzt.

Nehmt euch Zeit – und lernt Zeit zu „managen“

 „Ich hätte mein Projekt zeitlich besser abstimmen müssen.“

„Als erstes Modul nach der Geburt meiner Tochter musste ich viel lernen über Selbstorganisation und das Haushalten mit meiner Energie.“

„Ich musste lernen, in meiner Zeitplanung so flexibel zu sein, dass ich babyfreie Zeiträume optimal nutzen konnte. Dazu gehörte auch, Prioritäten zu setzen.“

„In der Umsetzung unseres Blogs ist uns schnell klar geworden, wie viele Ressourcen bzgl. Zeit und persönlichen Einsatz dieses Projekt von uns abverlangte.“

4. Lasst euch überraschen

 „Vielleicht geht es am Ende auch gar nicht, wie anfangs gedacht, (nur) um finanziellen Gewinn, sondern vielmehr um einen Gewinn an Reichweite und Verbündeten.“

„Wo anfangs viele Fragezeichen und Unsicherheiten waren, […] haben sich viele Möglichkeiten eröffnet.“

5. Lasst euch nicht entmutigen – und überfordert euch nicht selbst

„Deswegen glaube ich, dass ich von Beginn an meine Ansprüche niedriger hätte stecken sollen und einen realistischeren Blick auf die Aufgabe hätte werfen sollen.“

„Aus dem Projekt hätte mehr werden können. […] Trotzdem bin ich im Nachhinein etwas enttäuscht, denn ich hätte für mich persönlich mehr rausholen können aus diesem Semester.“

„Im Nachhinein glaube ich, dass unser Engagement nicht die von uns anfangs erdachte Wirkung – mehr Einnahmen zu generieren – hatte.“

6. Übernehmt Verantwortung – denn das motiviert

„Diese Art der Übernahme von Verantwortung steigerte bei mir persönlich die Motivation sehr, denn […] man unterstützte mit seinem Wissen und Taten aktiv eine Sache.“

„Letztendlich denke ich, dass dies einen ganz normalen Prozess im Erwachsenwerden darstellt; Verantwortung zu übernehmen für das, was persönlich möglich ist, und mit der Verantwortung weiter zu wachsen. Und schließlich auch zu lernen, Verantwortung abzugeben und zu spüren, was ich leisten kann und was (noch) nicht.“

7. Übt und scheitert!

„Aufgabenverteilung, Kommunikation und Austausch sowie mich an Absprachen halten sind Themen, an denen ich weiter üben muss und will.“

„Das ‚Scheitern‘ in diesem Teil der Aufgabe war eine wichtige Erfahrung für die Zukunft und wird mich auch weiter begleiten.“

„Wir selbst konnten vorleben, dass wir nicht perfekt sind und unsere Fehlbarkeit öffentlich machen. Dies, indem wir über die Erstellung unseres Blogs öffentlich berichtet und geschrieben haben, natürlich auch über die Probleme und Herausforderungen.“

„Studieren muss nicht nur Auswendig-Lernen sein“

8. Probiert euch aus (oder etwas)

„Außerdem hatte der Betrieb die Möglichkeit, ein Abokistensystem im kleinen Format mal auszuprobieren. […] Der Betrieb hat jede Menge an Erfahrungen gewonnen, in welche Richtung er sich noch entwickeln kann…“

„Da ich schon lange den Wunsch hege, mich mit dem Anfertigen von Texten zu befassen, war dieser Aufgabenteil des Moduls eine großartige Gelegenheit, mich damit intensiver zu befassen. Es war interessant für mich zu beobachten, was ich zum Schreiben brauche, wann ich gut schreibe und wie lange ich in etwa für einen Text brauche. Von Blogeintrag zu Blogeintrag gelang mir dies auf andere Weise und so habe ich wichtige Erfahrungen für die Zukunft gemacht.“

9. Seid anderer Meinung – aber argumentiert und begründet

„Ich […] habe mich auch durchaus kritisch mit dem Thema Gemeinwohlökonomie befasst, um mir am Ende eine eigene Meinung zu bilden.“

„So werden zum Beispiel in Bezug auf den freien Wettbewerb nur negative Aspekte geäußert, ich hingegen bin der Meinung, dass der freie, globale Wettbewerb auch Vorteile mit sich bringt. So schafft er meiner Meinung nach nicht nur Konkurrenz […], sondern trägt auch, und davon bin ich überzeugt, zum Fortschritt bei.“

„Mir ist auch bewusst, dass ich etwas kritisiere, ohne eine funktionierende Handlungsalternative zu bieten“

10. Lest inspirierende Primärliteratur – z.B. Christian Felber im Original

„Besonders motivierend war es, zusätzlich das Buch ‚Gemeinwohl-Ökonomie‘ von Christian Felber zu lesen, da dieser das Wirtschaftsmodell wirklich gut durchdacht hat und einem Hoffnung macht, dass die Umsetzung tatsächlich funktionieren kann.“

„Außerdem hat mich das TuWasSemester daran erinnert, dass ein wesentlicher Bestandteil meiner persönlichen Selbstverwirklichung die Aneignung von Wissen jeder Art ist, und mich inspiriert, Bücher zu lesen, Podcasts zu hören und mich mit allen möglichen Themen aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft, Ökologie, Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und persönliche Entwicklung zu beschäftigen. In diesem Semester habe ich mehr Bücher gelesen als im gesamten Jahr davor.“

beenhere

Was bleibt nach diesem Semester?

Neben den vielen Erfahrungen und hart erarbeiteten Erkenntnissen bleibt zudem einiges an Hoffnung: Hoffnung auf zukünftige und dauerhafte Vernetzung der Involvierten; Hoffnung darauf, dass die Partner_innen weiterhin in Kontakt bleiben; Hoffnung darauf, dass die Studierenden dranbleiben an ihren Zielen; Hoffnung auf den ein oder anderen Blogartikel im Herbst und spannende Updates aus den Projekten; und Hoffnung, dass einige Steine ins Rollen kamen und wir gemeinsam ein bisschen „Gemeinwohl säen“ konnten.

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